Konzeption des Projekts “Abenteuer Wald”
Zur Lebens- und Spielsituation der Kinder
Unsere Kinder sehen sich höheren Anforderungen, größerem Leistungsdruck und wachsendem Konkurrenzdenken ausgesetzt. Ihre natürlichen’ Bedürfnisse bleiben oft auf der Strecke. Nicht selten sind Aggressionen und Frustration die Folge. Dieses äußert sich dann in Ersatz-Abenteuer wie Vandalismus und Vandalismus und läßt z.B. Unzufriedenheit, gestörtes Eßverhalten, “Null-Bock”Einstellung und Minderwertigkeitskomplexe aufkommen.
Kinder waren körperlich noch nie so inaktiv wie heute. Bewegung ist noch wichtiger als richtige Ernährung.
(Pforzheimer Kurier 6/7/02)
Sport- und Kinderärzte, Sportwissenschaftler und Pädagogen bescheinigten dies unseren Kindern. Weiter heißt es, daß der Anteil übergewichtiger Kinder sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt hat.
Es wird an Eltern, Schulen und Kommunen appelliert, den Kindern zu mehr Bewegung zu verhelfen. Körperliche Schäden durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung führten zwangsläufig auch zu Einschränkungen der schulischen Leistungsfähigkeit.
In unserem Konsum- und Medienzeitalter treten unmittelbar erlebte Naturerlebnisse und die Möglichkeit, biologische Kreisläufe zu erleben immer mehr in den Hintergrund. Kinder lernen immer weniger am “Beispiel”. “ZweiteHand”-Erlebnisse, wie sie vor allem durch die elektronischen Medien produziert werden, tragen jedoch wenig zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung bei. Eigene Kreativität und Improvisation verkümmern immer stärker, weil in einer vorgeformten, normierten und reglementierten Umwelt nur noch wenige Freiräume bleiben.
Zunehmender Konsumdruck verstärkt die Tendenz, sich über materielle Werte zu definieren, Es verleitet auch Kinder dazu, das was sie haben für das zu halten was sie sind. Die Überbewertung von materiellen Gütern führt zu einer gestörten Beziehung zum inneren Selbst und zur Natur.
“Kinder sind eine gute Sache – solange sie sich nicht in der Nähe meines Grundstücks, meines Hauses aufhalten”, scheint das Motto vieler Bürger zu sein. Kinderaktivitäten – laut sein, rennen, klettern forschen, werkeln, toben… – wirken oft störend und werden eingeschränkt.
Kinder brauchen Freiräume, in denen sie sich bewegen können, doch die Spielräume für Kinder werden eng. Es gibt schöne Spielplätze. Doch sind die Möglichkeiten für Kinder auf Spielplätzen zu toben, diese umzugestalten oder sich kreativ einzubringen beschränkt. Klettergerüst, Schaukel, Sandkasten und Rutsche sind die übliche, Standardausrüstung der Plätze. Genug für Vorschulkinder, zu wenig für Größere.
Die Spiel- und Lebenssituation von Kindern verbessern !
Das Projekt “Abenteuer Wald”
ist ein erlebnisorientiertes waldpädagogisches Angebot für Kinder von 6-14 Jahren.
Es findet nachmittags statt und wird pädagogisch
betreut. Der Besuch ist mit einer verbindlichen Anmeldung und mit Kosten verbunden.
1. Den Rhythmus der Jahreszeiten erleben
Der Rhythmus in dem wir leben spielt eine zentrale Rolle für unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit. In einer Welt, die immer komplexer wird, in der sich Kinder und Jugendliche immer schwerer orientieren können, ist es besonders wichtig, richtungsgebend und kräftespendend, in tages- und jahreszeitlichen Rhythmen eingebunden zu sein, eingebunden in die Natur, deren Teil wir alle sind. Die Betreuung findet draussen in der freien Natur statt, wo jahreszeitliche Entwicklung und biologische Abläufe direkt erlebt werden.
2. Ökologisches Verhalten fördern
Kinder begegnen Pflanzen und Tieren und allen möglichen Erscheinungen der belebten und unbelebten Natur noch spontan und sehr neugierig. Das Erleben und Begreifen der natürlichen Umgebung ist eine wichtige Grundvoraussetzung für einen positiven Zugang zur Natur. Auf altersgerechte Weise und über die Sinne erfahrbar werden Lebenszusammenhänge vermittelt.
Der Umgang mit den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer gehört ebenso dazu wie das Kennenlernen der Tier- und Pflanzenwelt. Über die Schritte – Umwelt wahrnehmen, Natur erleben, kennen lernen, schützen – können auch Kinder im Rahmen ihrer kindlichen Lebenswelt ein Natur- und Umweltbewusstsein entwickeln. Mit der Grundschule wird eine Kooperation angestrebt, um Inhalte aus dem Heimat- und Sachkundeunterricht praktisch vertiefen zu können. Die Zusammenarbeit mit dem Forstamt und anderen, der Natur nahe stehenden Vereinen ist sinnvoll.
3. Den Bewegungsdrang ausleben und erhalten
In geschlossenen Räumen sind die Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten viel zu gering. Was Kinder deshalb brauchen, sind Räume, die sie selbst gestalten und verändern können, Räume, deren Funktion noch nicht festgelegt ist, und Räume, die auch Ruhe vermitteln. Der Wald hat keine Grenzen. Ein idealer Raum, um sich auszutoben, seine Kräfte zu messen und auch, um seine Grenzen kennen zu lernen.
Jedoch konkurrieren nachmittags häufig Fernseher und Computer mit dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder. Dadurch fehlen ihnen Grunderfahrungen wie Baumklettern, Balancieren, Lägerle bauen.
l/3 bis die Hälfte der Schüler sind motorisch auffällig’, berichtet die Sportpädagogin Christine Rau in der Stuttgarter Zeitung (14/5/02) Bewegungsabläufe fördern nicht nur motorische Fähigkeiten, es wird eine ganzheitliche Gesunderhaltung und Entwicklung angeregt z.B. die der Sprache, denn auch Sprechen ist Bewegung. Konditionsschwäche, Übergewicht und Haltungsschäden kann durch ein natürliches Bewegungsverhalten in der Natur entgegen gewirkt werden. Weitere gesundheitliche Aspekte wären die Stärkung des Abwehrsystems und die Förderung der körperlichen Konstitution.
4. Förderung der Fantasie und Kreativität
Kinder brauchen nicht den frühestmöglichen Umgang mit Technik, Kinder brauchen Fantasie, Entdeckungsfreude, Spiele, die ihre soziale Kompetenz fördern und ein Gefühl für das Eingebundensein in ihre Familie, Freunde und betreuende Personen. Der ständige Umgang mit Technik sollte auch bei älteren Kindern nicht alltagsbestimmend sein. Die Weit im Original erforschen, Zeit zum Spielen haben sind Voraussetzungen, um im Leben bestehen zu können.
Es gibt im Wald kein vorgefertigtes Spielzeug. Die pädagogische Arbeit im Wald steht unter dem Motto: so wenig als möglich von außen in den Wald hineinbringen. Gespielt und gewerkelt wird mit Naturmaterialien. Eine solcher Art selbstmotivierte, spielerische Aneignung von Lebens- und Erfahrungsräume wirkt sich nachhaltig auf die Kreativität und Fantasieleistung aus. Die Zeit im Wald bietet Anreize zu eigenen Erfahrungen und für die Kinder Freiräume, in denen sie selber mit Spaß und Eifer gestalten und bewirken können. Selbst Geschaffenes befriedigt tiefgreifend, es vermittelt das Gefühl “Ich kann” etwas. Es entsteht eine Beziehung zu den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Kinder lernen sich besser kennen, das Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen wächst.
5. Wahrnehmen und ausleben natürlicher kindlicher Bedürfnisse
Was sich heute oft in Zerstörungswut äussert, ist oft nichts anderes als die Suche nach Abenteuer. Der Wald bietet den Kindern den weiten Erlebnisspielraum, der sonst viel zu wenig genutzt wird. Angestaute Aggressionen entstehen dadurch, dass eigene Bedürfnisse und Wünsche zu stark zurückgenommen werden müssen.
Sei es in der Schule durch das Stillsitzen oder durch eine verplante Freizeit, die den Kindern kaum eigenen Spielraum zuläßt z.B. müssen die Kinder im Sportunterricht die Anweisungen des/der Übungsleiters/Übungsleiterin befolgen. Der Wald als offener weiter Raum bietet vielfältige Möglichkeiten, um negative Gefühle auszuleben (rennen, klettern, Material mit Kraft bearbeiten…).
Die Natur und vor allem der Wald übt auf uns Menschen einen besonderen Reiz aus Ruhe kehrt in uns ein, durch die Stille im Wald finden wir zu unserem Gleichgewicht zurück. Es ist erstaunlich, wie der sonst übliche Zeitdruck(Stress) sich umwandelt in das Gefühl “alle Zeit der Weit’ zu haben. Mit den besten Voraussetzungen für eine gute Konzentrationsfähigkeit kehren die Kinder befriedigt und ausgeglichen vom Nachmittagsangebot “Abenteuer Wald” heim. Kinder haben noch ganz ausgeprägt das Bedürfnis, die Natur und ihre Umwelt mit all ihren Sinnen wahrzunehmen. Durch ein intensives Naturerleben (riechen, fühlen, hören, laufen klettern) sind die Sinnesreizungen äußerst vielfältig. Das Kind nimmt sich als Ganzes wahr. Fehlt eine ausgeprägt Sinnesentwicklung, können sich kognitive und motorische Fähigkeiten nicht im vollen Umfang entwickeln.
6. Sozialverhalten stärken
Die Kinder kommen in einer Gruppe zusammen, in der das Miteinander im Vordergrund steht: teilen und einander helfen, sich unterordnen können und sich behaupten und angemessen Konflikte austragen können.
Durch gemeinsame Vorhaben wie z.B. Blockhütte bauen, Waldsofa errichten, Lägerle bauen müssen die Kinder ihre Rolle finden, Regeln einhalten und sich gegenseitig akzeptieren lernen. Die Erfahrung, daß nicht alles machbar ist, daß gemeinsam mehr erreicht werden kann als allein, daß sich gewisse Fertigkeiten erst einmal angeeignet werden müssen gehört zum Projekt “Abenteuer Wald”. Kinder mit Behinderungen werden – sofern dies im Bereich ihrer eigenen und der Möglichkeiten des Projekts “Abenteuer Wald” liegt – integriert.
Behinderte Kinder und Nichtbehinderte kommen über gemeinsame Aktivitäten in zwanglosen Kontakt. Gesunde Kinder haben die Möglichkeit, “Anderssein” zu erleben. Sie merken, dass “andere” genauso Spielkameraden sein können, ebenso lachen und weinen, sich freuen und verletzt werden können wie sie selbst. Sie lernen, daß jeder Einzelne seinen Platz in der Gemeinschaft hat.
Mein Freund der Baum
Es ist Zeit glücklich zu sein. Wir erleben, schaffen und bauen und sind ganz uns selbst. Wir lauschen dem Wald und achten auf seine Bewohner. Wir gehen auf geheimnisvollen Pfaden und werden entdecken. Wir sind Gast, bei unserem Freund dem Baum.



