Pädagogik
Das pädagogische Konzept
Erläuterung der wichtigsten pädagogischen Aspekte
Das Wachstum, die Beweglichkeit und der angeborene Bewegungsdrang stellen notwendige Bedingungen für eine gesunde seelische und geistige Entwicklung des Menschen dar, weil sie die Fähigkeit des Kindes, neue Erfahrungen zu machen und zunehmend Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu erlangen, wesentlich erweitern.
(E. Schmitz, A. Stiksrud, Erziehung, Entfaltung und Entwicklung’)
Situationsansatz
Der pädagogische Situationsansatz ist ein demokratischer Bildungsansatz und beinhaltet die Ganzheitsmethode. Was die Kinder momentan sehr bewegt und interessiert, wird thematisiert.
Das sind, je nach Gruppe, unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche, welche die Erzieher in den täglichen Ablauf integrieren, indem sie situativ auf sie eingehen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Handlungsansätze, z.B. ein Gespräch, ein Spiel oder ein Bild zum Thema.
Der Situationsansatz fordert auch das Einbinden der Eltern in den Ablauf der Kindergartenjahre. Gegenseitige Rückmeldungen zwischen Erziehern und Eltern ist die Basis für Vertrauen und eine optimale
Begleitung für die Kinder in dieser wichtigen Zeit ihrer Entwicklung. (Ich – Entwicklung, Sprachentwicklung, Entwicklung der Sinnesorgane, …)
Ein wichtiger Aspekt ist das Einhalten von Ritualen, wie z.B. dem Morgenkreis und den damit verbundenen Liedern, das gemeinsame Händewaschen vor dem Essen in den verschiedenen Waldplätzen (Waldsofa, Sonnenplatz, … ), dem gemeinsamen Tischspruch und dem anschließenden Essen in Ruhe und dem Abschlusskreis, der dann nach den Unternehmungen, wie der Morgenkreis auch, im Waldkindergarten stattfindet. Der Situationsansatz schafft eine soziale und demokratische Lernkultur. Jedes Kind, gleich welchen Alters, besitzt eine Stimme, wenn Vorschläge und Wünsche angebracht werden. Die älteren Kinder leisten den jüngeren Hilfestellungen, wenn z.B. ein Hinderniss überwunden oder ein kleiner Bach überquert werden muss. Beim täglichen Ausprobieren ihrer Kräfte beim Klettern auf umgefallenen Baumwurzeln oder steileren Waldhängen, erfahren die Kinder ihre eigenen Grenzen jeden Tag ein Stück weit mehr. Die wachsende Stärke wird am eigenen Körper spürbar, weil sie ihn jeden Tag mit allen Sinnen einsetzen und ihm ausreichende Bewegung schenken. Die Grenzerfahrungen geben Halt und innere Balance und schaffen Raum für eine gesunde Ich – Entwicklung. Die Waldpädagogik setzt ebenso musische als auch ästhetische Ziele: Die Kinder lernen Lieder zur Jahreszeit und zu besonderen Anlässen, sie lernen Verse und gestalten ihren eigenen Waldbilder und Arrangements aus Naturmaterialien. Ebenso malen sie Bilder mit Wasserfarben zu einem bestimmten Thema oder basteln Zubehör für festliche Aktivitäten. Dem Alter entsprechend hämmern, sägen und schnitzen sie und bauen Unterschlüpfe aus Zweigen oder im Winter, wenn es kalt genug ist, ein Iglu.
Wohlbefinden
Das tägliche Bewegen im Freien und die erholsame Umgebung stärken nachweislich das Immunsystem und die Organe. Waldkindergartenkinder sind selten krank, haben einen gesunden Appetit und werden weniger übergewichtig. Das Laufen auf dem weichen, unebenen Waldboden, das Klettern auf Wurzeln, das Umgehen von Hindernissen und das Balancieren auf Baumstämmen führt zu körperlicher Geschmeidigkeit und Beweglichkeit und fördert vor allem die kinästhetischen (Empfinden für die Bewegung) und taktilen Sinne (Gleichgewicht). Im Kindergartenalter zwischen drei und sechs Jahren ist der Bewegungsdrang besonders ausgeprägt. Diesen ungehindert auszuleben, ist in der Stadt in einigen Regelkindergärten, vor allem im Winter, nicht immer möglich. Längere Zeit still zu sitzen fällt den Kleinen noch schwer. Der Aufenthalt in geschlossenen Räumen führt auch dazu, dass die Kinder schneller müde oder missgelaunt werden. Ihr Bewegungsdrang wird unterdrückt bzw. muss zurückgestellt werden. Die frische Luft und die Möglichkeit, sich auch im Winter frei zu bewegen, steigert das Wohlbefinden der Kinder und sie können ihren Bewegungsdrang ungehindert ausleben.
Kreativität / Fantasie
Der Wald bietet vielfältige Möglichkeiten, den kindlichen Forscherdrang auf natürliche Weise zu stillen. Das ‚Nicht’ – Vorhandensein von Spielzeugen, lässt ihrer Fantasie freien Lauf und regt dazu an, ihre Spielzeuge selbst herzustellen. Die Kinder bauen Dörfer und Städte aus kleinen Stöcken, Moos und Blättern, sie fertigen Sitzgelegenheiten aus Tannenzweigen, die Wurzel eines umgestürzten Baumes wird zum Piratenschiff, in einer Waldküche kochen und essen die Kinder die leckersten Gerichte. Dabei lernen sie die unterschiedliche Beschaffenheit der Materialien und ihre Verwendbarkeit kennen.
Die Vertiefung in Rollenspiele, die einen wichtigen Bestandteil ihres Spiels einnimmt, ist ebenso förderlich für die Sinnesaktivierung und das soziale Lernen wie die Selbsttätigkeit. Diese darf zum Zuge kommen, wenn das Kind es wünscht. Denn auch eine Rückzugsmöglichkeit ist für die Ich – Entwicklung ein Muss. Die Natur bietet dafür ideale Bedingungen.
Vermittlung von Werten
Durch das Erleben des Eingebundenseins in die Natur und das Kennenlernen ihrer Gesetze, werden die Kinder für den Umgang mit jeder Art von Leben sensibilisiert, sie lernen Rücksichtnahme und wechselseitige Abhängigkeiten kennen. Außerdem erfahren sie den Jahreszeiten – Rhythmus hautnah und mit allen Sinnen: Wasser kann in Form von Regen, Schnee, Eis oder Nebel vorkommen. Diese Phänomene helfen auch später, physikalische Gesetze zu durchdringen. Die Kinder werden selbst Teil des Ganzen – mit all ihren Sinnen. Deshalb sind in einem Waldkindergarten nicht nur die Erzieher für die Anweisungen von Regeln zuständig, sondern auch die Natur selbst. Das führt zu einem besseren Verständnis untereinander, denn alle müssen sich der Natur und ihren Bedingungen entsprechend anpassen.
Vorteile und Wirkung der Waldpädagogik
Stille und Zeit der Muse ist in unserer schnelllebigen Gesellschaft ein hohes Gut geworden. Jeder Stadtmensch, der einen Nachmittag im Wald verbringt, erlebt die Ruhe des Waldes als wohltuend, entspannend und regenerierend für Körper und Geist. Lärmquellen sind Verursacher vieler psychosomatischer Krankheiten, weil die Betroffenen sich nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren können, wenn zu viele Außenreize auf sie einströmen. Neben der Grundlage für die Konzentrationsfähigkeit, dient die Stille auch als Basis für die Differenzierung des Wahrnehmungsvermögens, das Finden von Stabilität, innerer Ruhe und Selbstzufriedenheit. Da in der Fachliteratur neben ungünstigen sozialen Einflüssen die Ursache für Verhaltensauffälligkeiten auch Reizüberflutung und Bewegungsmangel genannt wird, kann behauptet werden, dass die Waldpädagogik präventiv auf eben diese Phänomene reagiert. Aggressive Kinder fühlen sich in Regelkindergärten oftmals eingesperrt. Der hohe Bewegungsgrad und die Möglichkeiten der körperlichen Anstrengung hilft ihnen, ihre angestauten Aggressionen loszuwerden. In unserer Mediengesellschaft sind Haltungsschäden inzwischen keine Seltenheit mehr. Nie zuvor gab es so viele Kinder, die Störungen in diesem Bereich aufweisen wie heutzutage.
Ein Ergebnis, das unmittelbar mit einem hohen Fernsehkonsum und zu wenig Bewegung, gekoppelt mit falscher Ernährung zusammenhängt. Die Waldpädagogik wirkt mit ihrem Angebot diesen Faktoren eindeutig entgegen. Da zu viel Fernsehen auch Sprachentwicklungsstörungen nach sich ziehen, sollte unbedingt im Kleinkindalter darauf verzichtet werden. (Da jedoch in unserer Zeit das Fernsehen seinen festen Platz einnimmt, sollte wenigstens auf die pädagogisch wertvollen Sendungen geachtet werden. Gewalt verherrlichende und auf das Minimum an Sprache reduzierten Sendungen zählen hier natürlich nicht dazu. Auf alle Fälle aber sollte mit dem Kind über das Gesehene gesprochen werden, sodass ein sozialer Austausch stattfinden kann und das Kind die Möglichkeit bekommt, innere Bilder aufzubauen – wie es beim Vorlesen von Geschichten der Fall ist.) Die Gemeinsamkeit und das Zusammensein mit behinderten Kindern ist ein weiterer Bestandteil der Waldpädagogik – sofern die Kinder die körperlichen Anforderungen nicht als Belastung empfinden. Diese Form der Erziehung wirkt sich in jedem Fall positiv auf die Sozialkompetenzen aller Beteiligten aus. Wissenschaftliche Untersuchungen der Waldkindergarten – Kinder Neue wissenschaftliche Untersuchungen des Diplom Pädagogen Peter Häfner an der Universität Heidelberg belegen, dass Waldkindergartenkinder für die späteren schulischen Anforderungen sehr gut vorbereitet werden. Sie erweisen sich als äußerst motiviert und leistungsfähig. Häfner legte seine Studien über mehrere Bundesländer an und fand dabei heraus, dass Waldkindergartenkinder bei der Einschulung den Anforderungen in vollem Umfang entsprechen. Ihre Werte liegen sogar in einigen Bereichen deutlich höher als die der Vergleichsgruppe der Kinder von Regelkindergärten. In den Bereichen Motivation, Konzentration und Ausdauer zeigen die Waldkindergartenkinder besonders hohe Werte. Die Sozialkompetenz ist ebenfalls auffallend hoch. Die Kinder arbeiten im Unterricht sehr gut mit, sind also stark motiviert. Damit bringen sie wesentliche Voraussetzungen für das Lernen im Allgemeinen mit. Ein unmotiviertes Kind ist wesentlich schwieriger für Neues zu begeistern als ein motiviertes. Im musischen und kognitiven Bereich klaffen die Werte im Vergleich mit den Kindern aus Regelkindergärten zwar nicht so stark auseinander, aber immerhin überragen sie auch hier die Werte der Regelkindergarten – Kinder. Da sich Waldkindergarten – Kinder täglicher Bewegung aussetzen, verwundert es nicht, dass auch hier (Sport, Rhythmik) etwas höhere Werte erzielt werden. Auch wurde festgestellt, dass sie weniger krank werden, weil ihr Immunsystem gut zu funktionieren scheint. Im Sachkundeunterricht und im Umweltschutz sind Waldkindergartenkinder unschwer zu übertreffen. Denn nur wer die Natur in ihrer Vielseitigkeit und Einzigartigkeit kennen gelernt hat, kann zur Erhaltung und zum Schutz derselben wirklich beitragen. Die Kinder legen von vorn herein ein deutlich höheres Umwelt- und Naturbewusstsein an den Tag und begreifen sich wesentlich deutlicher als einen Teil der Natur als die Vergleichsgruppe. Auffallend ist auch die Methode der Konfliktlösung. Hier werden meistens friedliche Lösungen angestrebt, weil diese Kinder so wenig Eingrenzung wie möglich erfahren haben. Ihre angestauten Aggressionen konnten sie über die gesamten Waldjahre angemessen umsetzen – ohne das Gefühl der Enge und des Eingesperrtseins. Das führt dazu, dass sie nach friedlichen Konfliktlösungen suchen, anstatt ihren Körper einzusetzen.
Allgemein sprechen wir von den fünf Sinnen, mit denen der Mensch ausgestattet ist, nämlich dem visuellen (Sehen), dem olfaktorischen (Riechen), dem gustatorischen (Schmecken), dem auditiven (Hören) und dem taktilen (Fühlen). Häfner betont das Vorhandensein zweier weiterer, stets vernachlässigter Sinne: den vestibulären (Gleichgewicht) und den kinästhetischen (Bewegungsempfinden) Sinn. Das Laufen auf unebenem Waldboden und das Überwinden von Hindernissen sowie der gesamte Bewegungsablauf eines Waldkindergarten – Tages, tragen dazu bei, diese Sinne besonders zu fördern. Aussagen der Hirnforschung belegen, dass ausreichende Bewegung und die Aufnahme von Lerninhalten in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Um einen Lernprozess zu initiieren, in Gang zu halten und letzt endlich zum Erfolg zu bringen, ist das Zusammenspiel verschiedenen Regionen im Gehirn notwendig und entscheidend für den Grad des Erfolges. Das heißt, um kognitive Lerninhalte aufzunehmen und zu behalten, müssen auch die Regionen stimuliert werden, die für die Bewegung zuständig sind.
Abschließend sei gesagt, dass der Waldkindergarten vor allem für die Mädchen zu einer sehr positiven Persönlichkeitsentwicklung und zu sehr guten kognitiven Werten führt.
Sie liegen bei allen Untersuchungen, die Peter Häfner anstellte, im vorderen Bereich.



